Projekt
Kindersklave im Haushalt

Wer von Sklaverei spricht, denkt an die Sklavengesellschaften der Antike, den atlantischen Dreieckshandel der frühen Neuzeit auf dem Rücken von Millionen versklavten Afrikanerinnen und Afrikaner oder die Zwangsarbeit der totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Das ist Geschichte, könnte man meinen. Denn die Sklaverei ist geächtet und verboten, weltweit. Doch weit gefehlt. Die Sklaverei ist nicht aus der Welt. Ganz im Gegenteil. Rund 40 Millionen Menschen sind weltweit versklavt, stellt die Internationale Organisation für Arbeit in einer 2017 veröffentlichten Studie fest. Die 40 Millionen Sklavinnen und Sklaven von heute sind zu 71 Prozent weiblichen Geschlechts, zehn Millionen sind minderjährig. Die moderne Sklaverei hat mehr Gesichter als jene der Vergangenheit, als Menschen zur Handelsware gemacht wurden und ihre Arbeitskraft bis zum Tod ausgebeutet wurde. Sie ist in ein neues Entwicklungsstadium getreten, das sie weniger sichtbar macht. So leben 15,4 Millionen Menschen, vorwiegend Frauen, in erzwungenen Ehen, mehr als ein Drittel von ihnen sind Kinder. Knapp 25 Millionen arbeiten unter Zwang, auf Baustellen, in geheimen Fabriken, auf Bauernhöfen, Fischerbooten oder in Bordellen, ihre Ausbeuter sind sowohl Private als auch Staaten, manchmal in Schuldknechtschaft, manchmal als Strafmassnahme eines diktatorisch agierenden Staates, manchmal aus Tradition in einer Klassengesellschaft. Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter produzieren Lebensmittel, die wir essen, und Güter, die wir konsumieren. Auch der Menschenhandel ist nicht aus der Welt. Sein widerwärtigstes Gesicht zeigt er in der Prostitution, doch auch etwa junge Fussballtalente aus Afrika oder Flüchtlinge sind betroffen. Die Sklaverei beschränkt sich längst nicht auf Staaten, die wir gerne als «rückständig» betrachten. In Europa leben 4 von 1000 Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen, in Afrika sind es knapp doppelt so viele, im weltweiten Durchschnitt 5,4. Zwangsarbeit ist in Europa mit einem Wert von 3,6 von 1000 weiter verbreitet als in Afrika (2,8).

Wir möchten in einem Sachbuch die moderne Sklaverei zum Thema machen, die es sowohl vor unserer Haustür als auch weit weg gibt. Die Verbindungen sind weit enger, als uns lieb ist: durch die von Sklaven hergestellten Produkte, die es bei uns zu kaufen gibt. Die britische Nicht-Regierungs-Organisation Anti-Slavery unterscheidet acht Formen der modernen Sklaverei: Menschenhandel, Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft, Kindersklaverei, Zwangsehen, Kasten- oder Klassen-Sklaverei, Sklaverei im Haushalt, Sklaverei in Wertschöpfungsketten. An diesem Rahmen möchten wir uns orientieren und jeder dieser Formen ein Kapitel widmen. Es wird nicht einfach sein, Sklavinnen und Sklaven zu Wort kommen zu lassen, denn Sklaverei gibt es in aller Regel im Verborgenen, und die Betroffenen werden sich, so sie überhaupt erreichbar sind, hüten, zu reden. Sie brächten sich damit selbst in Gefahr. Dieser Persönlichkeitsschutz setzt die Grenzen. Doch es gibt auch Menschen, die der Sklaverei entronnen sind, die erzählen können und wollen, was sie durchgemacht haben. Das ist das erste Ziel dieses Buches: Aufklären und berichten, was geschieht. Wir möchten es aber nicht dabei belassen, sondern auch verständlich machen, erklären und Wege aus der Sklaverei aufzeigen. Dazu werden wir mit Expertinnen und Experten verschiedener Fachrichtungen sprechen, Historiker, Psychologinnen, Soziologen, Politologinnen, Philosophen, Aktivistinnen, Vertreter internationaler Organisationen, Juristinnen und Strafrechtler, Politikerinnen und Politiker.

Shopping Basket